Keep Android Open – Google will Android schliessen
Google plant, Android ab 2026 grundlegend zu verändern. Was seit Jahren als offene Plattform galt, soll durch eine verpflichtende Entwicklerverifizierung zur kontrollierten Umgebung werden. Die Initiative „Keep Android Open" wehrt sich dagegen – und erklärt, warum diese Änderung nicht nur Entwickler, sondern jeden Android-Nutzer betrifft.

Was Google vorhat
Im August 2025 hat Google angekündigt, dass ab September 2026 keine Anwendung mehr auf zertifizierten Android-Geräten installiert werden kann, wenn der Entwickler sich nicht zuvor bei Google registriert und verifiziert hat. Das gilt nicht nur für Apps aus dem Play Store – sondern für sämtliche Installationswege, einschliesslich Sideloading und alternative App-Stores wie F-Droid.
Konkret verlangt Google von Entwicklern:
- Die Zahlung einer Gebühr
- Die Zustimmung zu Googles Nutzungsbedingungen
- Die Vorlage eines amtlichen Ausweises (Identitätsverifizierung)
- Den Nachweis über den privaten Signaturschlüssel
- Eine vollständige Liste aller aktuellen und zukünftigen App-Kennungen (Package Names)
Der Rollout soll zunächst in Brasilien, Indonesien, Singapur und Thailand beginnen. Ab 2027 plant Google die weltweite Einführung – also auch in Europa und der Schweiz.
Googles Argumentation – und warum sie nicht überzeugt
Google begründet die Massnahme mit Sicherheit. Laut eigener Analyse enthalten Apps aus Sideloading-Quellen angeblich fünfzigmal mehr Malware als Apps aus dem Play Store. Die Verifizierung soll verhindern, dass böswillige Akteure anonym schädliche Apps verbreiten.
Das klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar, hält einer genaueren Prüfung allerdings nicht stand. Denn die Identitätsverifizierung prüft nur, wer der Entwickler ist – nicht, was die App tut. Ein verifizierter Entwickler kann weiterhin problemlos Malware verbreiten. Kriminelle werden schlicht gestohlene Identitäten nutzen oder den Verifizierungsprozess als triviale Hürde betrachten, da sie ohnehin bereits Gesetze brechen. Gleichzeitig werden legitime Entwickler abgeschreckt, die ihre Privatsphäre schützen wollen oder sich nicht von Google abhängig machen möchten.
F-Droid bringt es auf den Punkt: Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man die rechtliche Identität eines Entwicklers überprüft. Ob eine App schädlich ist oder nicht, lässt sich dadurch nicht feststellen – unabhängig davon, ob der Entwickler bei Google verifiziert ist. Die Art, wie F-Droid freie Software direkt aus dem Quellcode baut und an Nutzer verteilt, entspricht dem Prinzip, nach dem die meisten Linux-Distributionen seit Jahrzehnten Software ausliefern, wenn auch mit einigen Nachteilen. Diese Verteilungsmechanismen haben sich über Jahrzehnte bewährt, gelten als extrem sicher und bilden das Rückgrat der modernen Computing-Infrastruktur weltweit. Niemand hat je vorgeschlagen, dass Linux-Distributionen sicherer werden, indem eine zentrale Instanz jeden Entwickler verifiziert.
Was das für Verbraucher bedeutet
Wer ein Android-Gerät gekauft hat, tat dies im Vertrauen auf das Versprechen einer offenen Plattform, auf der jede beliebige Software ausgeführt werden kann. Ab September 2026 wird Google jedoch ohne Zustimmung der Nutzer ein Betriebssystem-Update ausspielen, das dieses Recht dauerhaft einschränkt. Ab diesem Zeitpunkt entscheidet Google, welchen Anwendungen ihr „vertrauen dürft" – und welchen nicht.
Besonders brisant: Diese Änderung betrifft zertifizierte Android-Geräte, also praktisch alle handelsüblichen Smartphones und Tablets, die mit Google-Apps und Play Protect ausgeliefert werden. Das schliesst Samsung, Xiaomi, OnePlus, Motorola, Google Pixel und unzählige weitere Hersteller ein.
Was das für Entwickler bedeutet
Für Entwickler wird es unmöglich, Anwendungen zu erstellen und direkt mit Freunden, Familie oder der eigenen Community zu teilen, ohne zuvor Googles Genehmigung einzuholen. Das ursprüngliche Versprechen von Android – das wichtigste Argument, mit dem sich das System einst vom iPhone abhob – beruhte auf seiner Offenheit. Offenbar ist Google inzwischen überzeugt, genug Kontrolle über das Android-Ökosystem zu besitzen, um dieses Prinzip nun aufzugeben.
Für die Open-Source-Gemeinschaft ist die Lage besonders kritisch. F-Droid, der wichtigste alternative App-Store für freie und quelloffene Android-Software, kann seine Entwickler nicht dazu zwingen, sich bei Google zu registrieren und dafür zu bezahlen. Gleichzeitig kann F-Droid die App-Kennungen nicht einfach übernehmen, da dies faktisch die exklusiven Vertriebsrechte für diese Anwendungen an sich reissen würde. F-Droid hat unmissverständlich erklärt: Googles Registrierungsdekret wird das F-Droid-Projekt und andere freie Distributionsquellen in ihrer heutigen Form beenden.
Was das für Staaten und die digitale Souveränität bedeutet
Regierungen, die sich auf Android-Geräte in der Verwaltung verlassen, überlassen die Kontrolle über die Rechte ihrer Bürger und ihre digitale Souveränität einem US-Konzern. Einem Konzern, der bekannt dafür ist, sich auch aussegerichtlichen Forderungen autoritärer Regime zu beugen, um missliebige – aber völlig legale – Anwendungen zu entfernen. Die für Verwaltung und Wirtschaft unverzichtbare Software wird damit den Launen eines fernen, unkontrollierbaren Unternehmens ausgeliefert.
Gerade für europäische Länder, die sich intensiv um digitale Souveränität bemühen, wäre diese Entwicklung ein herber Rückschlag. Der Digital Markets Act (DMA) der EU soll genau solche Machtkonzentration verhindern – doch ob er gegen Googles Pläne greifen wird, ist noch offen.
Hat Google bei der Entwicklerverifizierung „nachgegeben"
Ende 2025 deutete Google in einem Blogbeitrag vage an, dass es einen „erweiterten Ablauf" geben könnte, der es „erfahrenen Nutzern" eventuell erlaubt, „die Risiken der Installation nicht verifizierter Software zu akzeptieren". Viele Medien berichteten daraufhin, Google habe eingelenkt.
Die Realität sieht anders aus. Googles offizielle Entwicklerseite stellt weiterhin unmissverständlich fest:
Ab September 2026 müssen alle Android-Apps von bestätigten Entwicklern registriert werden, damit sie auf zertifizierten Android-Geräten installiert werden können.
Solange Google keine konkreten Belege dafür vorgelegt hat, dass es möglich sein wird, den Verifizierungsprozess ohne unangemessene Hürden zu umgehen, sollte man dem Glauben schenken, was auf der offiziellen Seite steht: Alle Apps von nicht registrierten Entwicklern werden blockiert.
Custom ROMs sind nicht betroffen – aber das reicht nicht
Ein wichtiger technischer Aspekt: Die Verifizierungspflicht betrifft ausschliesslich zertifizierte Android-Geräte – also solche, die mit Google Mobile Services (GMS) und dem Play-Protect-Framework ausgeliefert werden. Geräte mit Custom ROMs wie GrapheneOS, LineageOS, CalyxOS, /e/OS oder anderen AOSP-basierten Systemen ohne Google-Dienste sind von dieser Einschränkung nicht direkt betroffen. Auf diesen Systemen können weiterhin beliebige APKs installiert werden.
Das klingt zunächst beruhigend – ist es aber nur bedingt. Denn die überwältigende Mehrheit der Android-Nutzer verwendet Standard-Firmware mit Google-Diensten. Custom ROMs sind selbst unter technisch versierten Nutzern eine Nischenerscheinung. Nicht jeder kann oder will sein Gerät mit einem Custom ROM betreiben – sei es wegen mangelnder technischer Kenntnisse, fehlender Geräteunterstützung oder weil bestimmte Apps (Banking, Firmensoftware) ein zertifiziertes Gerät voraussetzen.
Zudem nutzen auch viele Anwender auf Stock-Android bewusst F-Droid und Apps von freien Entwicklern als Ergänzung oder Alternative zum Play Store. Genau diese Nutzer werden durch die neuen Regeln direkt betroffen sein. Es ist daher wichtig, sich auch dann für die Offenheit von Android einzusetzen, wenn man selbst ein Custom ROM nutzt – denn die Vielfalt des Ökosystems lebt davon, dass freie Software auf allen Android-Geräten installiert werden kann, nicht nur auf einer Handvoll Enthusiasten-Geräten.
Es gibt zudem ein weiteres Risiko: Wenn mehr Nutzer auf Custom ROMs ausweichen, um die Verifizierungspflicht zu umgehen, steigt paradoxerweise die Angriffsfläche. Denn das Entsperren des Bootloaders – bei den meisten Geräten die Voraussetzung für ein Custom ROM – deaktiviert die vom Hersteller etablierte Vertrauenskette auf Hardwareebene. Nur wenige Security-fokussierte ROMs wie GrapheneOS unterstützen das erneute Sperren des Bootloaders nach der Installation. Bei allen anderen Geräten bleibt der Bootloader entsperrt – mit entsprechenden Risiken.
Wie ihr helfen könnt
Als Entwickler
Registriert euch nicht für Googles Early-Access-Programm, führt keine Identitätsprüfung durch und akzeptiert keine Einladungen zur Android-Entwicklerkonsole. Nur durch das Einverständnis der Entwickler kann Googles Plan gelingen. Ermutigt andere Entwickler und Organisationen, sich ebenfalls nicht zu registrieren. Nutzt Community-Foren, soziale Netzwerke und Blogs, um die Botschaft zu verbreiten. Die Bibliothek FreeDroidWarn kann in eigene Projekte eingebunden werden, um Nutzer direkt in der App über die Problematik zu informieren.
Als Nutzer
- Installiert F-Droid auf euren Android-Geräten. Je mehr Nutzer alternative Plattformen verwenden, desto schwieriger wird es, sie auszuschliessen.
- Gebt Google direkt Feedback über die Umfrage zu den Anforderungen der Android-Entwicklerverifizierung.
- Macht eure Meinung öffentlich – in sozialen Netzwerken, Foren und Blogs. Verlinkt dabei auf keepandroidopen.org.
- Widersprecht Meinungsmanipulation: Wenn ihr in Foren oder sozialen Medien verdächtige Beiträge seht, die die neue Politik verteidigen, bezieht Stellung.
- Unterschreibt die Petition auf change.org.
Aufsichtsbehörden kontaktieren
Regulierungsbehörden auf der ganzen Welt sind ernsthaft besorgt über Monopole und die zunehmende Machtkonzentration im Technologiesektor. Beschwerden sind besonders wirksam, wenn sie von Bürgern des jeweiligen Landes eingereicht werden und in der Amtssprache verfasst sind.
Für die Europäische Union:
- E-Mail an das DMA-Team: EC-DMA@ec.europa.eu
- E-Mail Antitrust: COMP-GREFFE-ANTITRUST@ec.europa.eu
- Beschwerde bei der EU-Wettbewerbspolitik
Für die Schweiz:
- Meldung bei der Wettbewerbskommission (WEKO)
Warum das alle angeht
Was Google hier plant, geht weit über eine technische Änderung hinaus. Es ist ein fundamentaler Bruch mit dem Prinzip, das Android seit seiner Einführung definiert hat: Offenheit. Wenn ein einzelnes Unternehmen entscheiden kann, welche Software auf dem weltweit meistgenutzten Betriebssystem installiert werden darf, hat das weitreichende Konsequenzen – für die Meinungsfreiheit, für den Wettbewerb, für die Innovation und für die digitale Selbstbestimmung jedes einzelnen Nutzers.
Android ist nicht irgendein Produkt. Es läuft auf über drei Milliarden Geräten weltweit. Für viele Menschen – besonders in Entwicklungsländern – ist das Smartphone der einzige Computer, den sie besitzen. Ihnen den Zugang zu freier Software zu verwehren, ist ein Angriff auf ihre digitale Autonomie.
Die Initiative „Keep Android Open" ruft daher alle auf: Informiert euch, erhebt eure Stimme und setzt euch für ein offenes Android ein – bevor es zu spät ist.
Weiterführende Links:
- Keep Android Open – Offizielle Seite
- F-Droid: Googles Entwicklerregistrierungsdekret
- F-Droid: Developer Verification Policy und der DMA
- EFF: Application Gatekeeping – Ein wachsender Weg zur Internetzensur
- ACLU: Your Smartphone, Their Rules
- Heise: Keep Android Open – Abwehr gegen Verbot anonymer Apps von Google