Stratum V2 und die Coinbase-Hoheit: Wem gehören eure Bitcoin Mining Fees
Bitcoin Mining Pools werben heute alle mit FPPS – Full Pay Per Share – und versprechen euch damit faire Auszahlungen aus Block Reward und Transaktionsgebühren. Klingt sauber, ist aber nur die halbe Wahrheit. Ein fast neun Jahre alter Bitcointalk-Thread zeigt, wo das eigentliche Problem sitzt – und warum es heute aktueller ist denn je.
Im Dezember 2017, mitten im damaligen Fee-Inferno, hat der Bitcointalk-Nutzer philipma1957 einen Thread aufgemacht, der für ordentlich Wirbel sorgte: "Why all miners need to mine on a pool that pays them the tx fees." Sein Vorwurf war drastisch. Die grossen Mining-Pools – BTC.com, Antpool, BTC.TOP, ViaBTC – würden die Transaktionsgebühren der gefundenen Blöcke einfach behalten. Und nicht nur das: Sie hätten dadurch sogar einen ökonomischen Anreiz, das Bitcoin-Netzwerk künstlich verstopft zu halten.
Wer den Thread heute liest, könnte denken, das sei ein Stück Bitcoin-Folklore aus einer wilderen Zeit. Heute zahlen doch alle grossen Pools FPPS, also Block Subsidy plus Fees, und die Welt ist in Ordnung – oder?

Wir wollen euch in diesem Artikel zeigen, warum philipmas Argument 2017 absolut korrekt war, warum es heute formal überholt wirkt, und warum der eigentliche Kern seiner Kritik trotzdem wichtiger ist denn je – nur an einer anderen Stelle. Stichwort: Coinbase-Hoheit.
Was philipma 2017 vorgerechnet hat
Die Mathematik in seinem Originalpost ist holprig formatiert, aber der Mechanismus dahinter ist sauber. Stark vereinfacht:
Ein Pool kontrolliert sagen wir 20 Prozent der Hashrate. Er findet pro Tag etwa 29 von 144 Blöcken. Die Block-Fees lagen Ende 2017 bei mehreren BTC pro Block. Wenn dieser Pool die Fees komplett für sich behält, statt sie an die Miner durchzureichen, sammelt er pro Tag eine satte Summe ein, von der seine Miner nichts sehen.
Jetzt kommt der eigentliche Trick: Wenn der Pool selbst Transaktionen sendet – egal ob legitime interne Auszahlungen oder gezielt produziertes Spam-Volumen – zahlt er für diese Transaktionen zwar Fees. Sobald er aber einen seiner eigenen Blöcke findet (und das passiert bei 20 Prozent Hashrate ja regelmässig), bekommt er die ausgelegten Fees vollständig zurück. Es entsteht ein anteiliger Refund auf alle eigenen Transaktionen, der grob mit dem Hashrate-Anteil des Pools skaliert.
Das Resultat: Der Pool kann das Netzwerk künstlich überlasten, treibt damit die Fee-Bid-Auktion für alle anderen Nutzer in die Höhe, und kassiert genau diese hochgetriebenen Fees am Ende selbst ein. Eine sich selbst finanzierende Spirale.
philipma nannte das ausdrücklich keine Block-Withholding-Attacke, sondern Fee Manipulation. Und er hatte einen klaren Aufruf: Verlasst die grossen PPS-Pools, geht zu Pools, die die Fees an euch durchreichen. Damals waren das vor allem Kano's Pool, ck's Pool, Jonny's Pool und P2Pool.
Warum der Vorwurf 2017 zutraf: PPS ohne Fee-Sharing
Der entscheidende Kontext, der heute oft vergessen wird: Ende 2017 fuhren Antpool und BTC.com schlichtes PPS – Pay Per Share. Das heisst, der Miner bekam einen festen Satz pro eingereichter Share, kalkuliert ausschliesslich auf Basis der Block Subsidy. Die Transaktionsgebühren? Blieben beim Pool. Punkt.
Das war damals technisch nicht einmal versteckt, sondern offizielle Auszahlungspolitik. Bei einer Block Reward von 12,5 BTC und Subsidy-only-PPS hat der Pool schlicht den Anteil ignoriert, der über die Subsidy hinausging. In ruhigen Zeiten waren das ein paar Prozent extra. Im Dezember 2017, als die Mempool-Fees regelmässig 5, 6, 8 BTC pro Block ausmachten, bedeutete das aber, dass der Pool plötzlich zwischen 30 und 50 Prozent der gesamten Block-Einnahmen für sich behielt, ohne dass das in den ausgewiesenen Pool-Fees auftauchte.
Pools wie Kano's Pool haben das schon damals anders gemacht. PPLNS, niedriger Fee, Fees gehen anteilig an die Miner, fertig. Genau das war der Boykott-Aufruf, der durch den Thread ging.
Was sich seitdem geändert hat: Die FPPS-Welle
Die Verbreitung von FPPS hat ab 2018 eingesetzt – und das war keine moralische Erleuchtung der Pool-Betreiber, sondern eine knallharte Reaktion auf die Konkurrenz. Wenn die Miner anfangen, sich darüber Gedanken zu machen, wo ihre Fees bleiben, dann muss man als Pool ein Modell anbieten, in dem sie nicht mehr fragen müssen.
FPPS – Full Pay Per Share funktioniert so: Der Pool berechnet den langfristigen Durchschnitt der Block-Fees pro Block und schlägt diesen Anteil zusätzlich auf den PPS-Satz. Der Miner bekommt also einen festen Satz pro Share, der sowohl die Subsidy als auch die durchschnittliche Fee-Komponente abbildet. Variance-Glättung wie bei klassischem PPS, aber eben mit Fee-Anteil.
Heute fahren praktisch alle grossen Mining Pools FPPS oder eine Variante davon. Foundry USA, AntPool, F2Pool, ViaBTC, Binance Pool – alle. Wer als grosser Pool kein Fee-Sharing macht, verliert seine Miner. Nach dem Halving 2024 ist diese Frage sogar noch wichtiger geworden, weil die Block Subsidy nur noch 3,125 BTC beträgt und die Fee-Komponente einen immer grösseren Teil der Block-Einnahmen ausmacht.
In dem Sinne also: Der formale Kritikpunkt von 2017 ist heute weg. Wer auf einem modernen FPPS-Pool mined, bekommt seine Fees, wenn auch geglättet als Erwartungswert.
Aber – und das ist der eigentliche Punkt – das Problem hat sich nicht gelöst. Es hat sich nur verschoben.
Wo die Pool-Macht wirklich liegt: Die Coinbase-Transaktion
Stellt euch kurz vor, wie das Mining im Detail abläuft. Der Pool baut das Block-Template. Der Pool entscheidet, welche Transaktionen aus dem Mempool in den Block kommen. Der Pool konstruiert die Coinbase-Transaktion, also die allererste Transaktion im Block, die das Geld an Empfangsadressen verteilt. Der Miner bekommt dieses fertige Template, hashed darauf herum, und meldet erfolgreiche Shares zurück.
Das heisst: Der Pool kontrolliert die komplette Coinbase-Konstruktion. Der Miner ist Hashing-Sklave, sonst nichts. Diese Architektur ist so alt wie Stratum V1 und sie ist der eigentliche Hebel, an dem Pool-Betreiber sitzen.
Was bedeutet das praktisch?
Out-of-Band-Payments
Ein Pool kann Transaktionen in seine Blöcke aufnehmen, die nie über den öffentlichen Mempool laufen. Stichwort Slipstream von Marathon, oder vergleichbare private Annahme-Kanäle. Ein Grosskunde zahlt direkt an den Pool, der Pool nimmt die Transaktion in den nächsten gefundenen Block auf, und der Miner sieht in der offiziellen Fee-Statistik – nichts. Die Coinbase zeigt brav die normale Fee-Summe, die Out-of-Band-Zahlung läuft komplett am FPPS-Modell vorbei.
Das ist die moderne Wiederauflage von philipmas Punkt: Es gibt Einnahmen, die der Pool generiert und die der Miner nicht sieht.
MEV und Block-Template-Optimierung
Sobald Bitcoin über reine Wertübertragungen hinaus mehr Komplexität bekommt – Ordinals, BRC-20, Inscriptions, Runes, was auch immer – entstehen Optimierungsmöglichkeiten beim Block-Bau, die nicht trivial sind. Ein Pool, der besonders smart Templates baut, kann pro Block mehr rausholen als ein einfacher Mempool-Sortierer. Diese Mehreinnahmen fliessen in die Pool-Kasse, nicht in den FPPS-Satz.
Zensur und Compliance
Wenn ein Pool aus regulatorischen Gründen bestimmte Transaktionen oder Adressen filtert, wird das auf der Coinbase-Ebene entschieden. Der Miner hat darauf keinen Einfluss. Es gab und gibt Phasen, in denen einzelne Pools nachweislich OFAC-konforme Templates gebaut haben. Aus Sicht des einzelnen Miners ist das eine politische Entscheidung, die er weder mit beschliesst noch direkt verhindern kann.
Empty Blocks
Schon 2017 ein Reizthema: Manche Pools haben gelegentlich leere Blöcke ausgeliefert, um die Latenz zwischen "neuer Block gefunden" und "neues Template verteilt" zu überbrücken. Bei jedem leeren Block werfen die Miner kollektiv ein paar BTC Fees zum Fenster raus. Der Pool hat darauf keinen Verlust – seine FPPS-Auszahlung ist konstant, der Verlust verteilt sich auf alle.
Der gemeinsame Nenner: Vertrauen statt Trustlessness
Was alle diese Phänomene verbindet: Der Miner liefert die Hashrate, aber der Pool entscheidet, was damit gehasht wird. Solange diese Trennung besteht, bleibt der Miner auf Vertrauen angewiesen. Vertrauen, dass der Pool den FPPS-Satz fair kalibriert. Vertrauen, dass keine Out-of-Band-Streams an ihm vorbeilaufen. Vertrauen, dass er nicht plötzlich Teil einer Zensur-Strategie wird, die er nicht unterschreiben würde.
Bitcoin ist als trustless-System konzipiert. Aber genau an der Pool-Schnittstelle ist diese Trustlessness 15 Jahre lang löchrig geblieben.
Die echte Lösung: Stratum V2 und DATUM
Hier wird es konstruktiv. Es gibt seit ein paar Jahren ernsthafte Bewegung in Richtung einer Architektur, in der genau diese Coinbase-Hoheit beim Miner landet, wo sie aus ideologischer Sicht hingehört.
Stratum V2 geht das Problem grundsätzlicher an. Der zentrale Baustein hier ist der Job Declarator. Der Miner kann sein eigenes Block-Template signalisieren, der Pool akzeptiert es (oder lehnt es nach klar definierten Regeln ab) und der Hashing-Loop beginnt. Daneben bringt Stratum V2 verschlüsselte Verbindungen, binary Framing statt JSON, deutlich effizientere Header-Übertragung, und – wichtig für ehrliche Pools – eine technische Trennung zwischen Hashrate-Buchhaltung und Template-Kontrolle.

DATUM (Decentralized Alternative Templates for Universal Mining), entwickelt von Ocean, ist ein Protokoll, bei dem der Miner sein Block-Template selbst baut – inklusive selbstgewählter Coinbase-Adressen. Der Pool macht nur noch zwei Dinge: Er aggregiert Hashrate-Beiträge zur Variance-Glättung, und er sorgt dafür, dass die Auszahlung über PPLNS oder ähnliche Modelle fair verteilt wird. Welche Transaktionen im Block landen und wem die Coinbase die Subsidy zuteilt, entscheidet der Miner.

In Kombination führen DATUM und Stratum V2 dazu, dass die alte philipma-Frage – "behält der Pool meine Fees?" – auf einer anderen Ebene beantwortet wird. Nicht durch Vertrauen in den FPPS-Satz, sondern durch architektonische Entkopplung. Der Pool kann die Fees gar nicht mehr unterschlagen, weil die Coinbase nicht mehr seine ist.
Was das für eure Pool-Wahl bedeutet
Wir bauen mit Blitzpool genau aus diesem Grund einen der ersten Stratum-V2-basierten Solo-Mining-Pools. Solo-Mining ist dabei nur der Einstiegspunkt – die Architektur ist so gedacht, dass der Pool-Betreiber strukturell nicht in die Position kommt, an der Coinbase zu manipulieren. Der Bitcoin-Empfang der Subsidy läuft non-custodial, die Block-Templates werden mit Transparenz produziert, und die Auszahlung ist nachvollziehbar.
Das ist kein Marketing-Geschwätz. Das ist die direkte technische Antwort auf eine Kritik, die jetzt fast neun Jahre alt ist und in ihrem Kern nie wirklich adressiert wurde.
Für euch als Miner heisst das konkret: Bei der Pool-Wahl reicht es nicht mehr, "FPPS, klingt fair" als Kriterium zu nehmen. Ihr solltet euch mindestens drei Fragen stellen:
- Macht der Pool Out-of-Band-Payments oder gibt es eine Aussage, dass er das ausschliesst?
- Welche Stratum-Version fährt der Pool? Wer Stratum V2 mit Job Declaration unterstützt, gibt die Coinbase-Hoheit zumindest teilweise an euch zurück.
- Wie sieht die Zensur-Politik aus? Gibt es Compliance-Filter? Sind sie dokumentiert?
Wer dazu keine klaren Antworten findet, verlässt sich – wie 2017 – am Ende doch wieder nur auf das Wort des Pool-Betreibers.
Fazit: Der alte Thread war seiner Zeit voraus
Wenn ihr den 2017er Thread heute lest, lacht nicht über die Mathematik. philipma hat etwas gesehen, was die meisten damals nicht sehen wollten: Dass die Anreizstruktur zwischen Pool und Miner schief ist. Dass ein Pool, der mehr Macht hat als ein reines Hashrate-Aggregat, diese Macht früher oder später ausnutzen wird, einfach weil der Markt ihn dazu zwingt.
Die FPPS-Welle hat den damals offensichtlichen Symptompunkt – fehlendes Fee-Sharing – formal geheilt. Aber die zugrundeliegende Trennung zwischen "Hashrate liefern" und "entscheiden, was gehasht wird" ist geblieben. Und solange sie bleibt, ist die Frage, ob die Miner ihre Einnahmen vollständig sehen, eine Vertrauensfrage – nicht eine technische.
DATUM, Stratum V2, Job Declaration und Solo-Pools wie Blitzpool sind die Werkzeuge, mit denen sich dieses Vertrauen in Architektur überführen lässt. Das ist nicht der schnelle Weg. Es ist nicht der bequeme Weg. Aber es ist der einzige, der die ursprüngliche philipma-Frage – "warum behält jemand anderes meine Fees?" – wirklich beantwortet, statt sie nur zu verstecken.
Wer ernsthaft am Bitcoin-Mining beteiligt ist, sollte sich die Frage stellen, auf welcher Seite dieser Entwicklung er stehen will. Bei den grossen Pools, die im Hintergrund Out-of-Band-Geschäfte machen und FPPS als Glättungsschleier benutzen? Oder bei einer Mining-Infrastruktur, die das Versprechen "trustless" ernst nimmt – auch und gerade an der Stelle, wo Pool und Miner aufeinandertreffen?
Wir wissen, wo wir stehen. Und der gute alte Thread aus dem Dezember 2017 hat bis heute mehr Recht, als seinen Autoren damals lieb gewesen sein dürfte.
FAQ: Bitcoin Mining Pool Gebühren und Fee-Sharing
Was bedeutet FPPS bei Bitcoin Mining Pools? FPPS steht für Full Pay Per Share. Der Pool zahlt euch einen festen Satz pro Share aus, der sowohl Block Subsidy als auch durchschnittliche Transaktionsgebühren abbildet. Das macht eure tägliche Auszahlung planbar, blendet aber Sondereinnahmen wie Out-of-Band-Payments aus.
Was ist der Unterschied zwischen FPPS und PPLNS? FPPS glättet die Auszahlung über einen kalkulatorischen Erwartungswert und schiebt das Glücksrisiko zum Pool. PPLNS (Pay Per Last N Shares) zahlt nur, wenn der Pool tatsächlich einen Block findet, dafür typischerweise mit niedrigeren Pool-Gebühren und ohne kalkulatorische Glättung der Fees.
Bekomme ich auf einem FPPS-Pool wirklich alle Transaktionsgebühren? Nicht zwangsläufig. Ihr bekommt den durchschnittlichen Erwartungswert der öffentlich sichtbaren Block-Fees. Out-of-Band-Payments, MEV-Optimierungen und ähnliche Sondereinnahmen fliessen meistens nicht in den FPPS-Satz ein.
Was ist die Coinbase-Transaktion? Die Coinbase-Transaktion ist die erste Transaktion in jedem Bitcoin-Block. Sie erzeugt die neuen Bitcoin aus der Block Subsidy und verteilt sie zusammen mit den Transaktionsgebühren. Wer die Coinbase-Transaktion baut, kontrolliert, wohin das Geld fliesst.
Was bringt Stratum V2 für Miner? Stratum V2 erlaubt es Minern, ihre eigenen Block-Templates zu bauen, statt sie blind vom Pool zu übernehmen. Damit liegt die Entscheidung über Transaktionsauswahl und Coinbase-Konstruktion beim Miner, nicht mehr beim Pool. Dazu kommen verschlüsselte Verbindungen und effizienteres Protokoll-Framing.
Ist DATUM dasselbe wie Stratum V2? Nein. DATUM ist ein eigenständiges Protokoll von Ocean, das auf ähnliche Ziele hinarbeitet (minerseitige Block-Templates, non-custodial Auszahlung). Stratum V2 ist die offiziellere Branchen-Initiative. Beide adressieren das Coinbase-Hoheit-Problem.
Was ist ein Non-Custodial Mining Pool? Ein Mining Pool, der eure Mining-Erträge nie selbst verwahrt. Stattdessen wird die Auszahlung direkt aus der Coinbase-Transaktion des gefundenen Blocks an die Miner verteilt. Damit entfällt das Gegenparteirisiko gegenüber dem Pool-Betreiber.