Incogni seriös? Ehrliche Einschätzung zum Datenlöschdienst
Wer Videos über Datenschutz schaut, kennt den Werbespot: Ein YouTuber wird kurz ernst und erklärt, dass Datenhändler eure Adresse, Telefonnummer und euer Geburtsdatum verkaufen. Für ein paar Franken im Monat soll Incogni das abstellen.

Wir haben uns gefragt, ob Incogni seriös ist und ob eine Zusammenarbeit für yourdevice.ch Sinn ergibt, weil der Dienst so viele Privacy-Kanäle sponsert. Die kurze Antwort: Incogni ist kein Betrug. Bewerben werden wir den Dienst trotzdem nicht. Hier ist unsere ehrliche Einschätzung und was ihr stattdessen selbst tun könnt.
Was Incogni eigentlich macht
Incogni ist ein sogenannter Datenlöschdienst. Er schickt in eurem Namen Löschanfragen an Datenhändler (Data Broker) und Personensuchseiten und wiederholt diese Anfragen regelmässig. Dafür unterschreibt ihr beim Einrichten eine Vollmacht, damit Incogni überhaupt für euch auftreten darf, wie All About Cookies und CyberInsider beschreiben. Rechtliche Grundlage sind Gesetze wie DSGVO, UK GDPR, CCPA und PIPEDA. Laut Incogni-Support ist der Dienst auch für Einwohner der Schweiz verfügbar, wobei der Umfang der Löschungen je nach Land unterschiedlich ausfällt.
Wichtig ist, was Incogni nicht kann: Der Dienst löscht euch nicht aus dem Internet. Social-Media-Konten, Foren, Blogs, Gerichts- und Behördenregister fasst er nicht an, wie Gizmodo festhält. Daten, die nach einem Leak im Darknet kursieren, sind laut heise ebenfalls ausser Reichweite.
Ist Incogni seriös? Was dafür spricht
Ja, Incogni ist ein echter Dienst, der tut, was er verspricht. Gizmodo hat ihn fast vier Monate lang getestet: In dieser Zeit verschickte Incogni 107 Löschanfragen an 44 Datenhändler und schloss 102 davon ab. Positiv fällt auch auf, dass Incogni sich als erster Anbieter der Branche von aussen prüfen liess. Deloitte Litauen bestätigte im August 2025 unter anderem, dass Incogni über 420 Datenhändler anschreibt, Löschbestätigungen von ihnen erhält und die Anfragen alle 60 Tage (öffentliche Broker) beziehungsweise 90 Tage (private Broker) wiederholt. Laut CyberInsider deckt der Bericht auch ab, dass Incogni die Daten seiner Nutzer nicht verkauft oder weitergibt.
Preislich liegt das Standard-Abo laut TechRadar bei etwa 15.98 US-Dollar monatlich oder 95.88 US-Dollar im Jahresabo.
Wo die Deloitte-Prüfung aufhört
Den Deloitte-Bericht solltet ihr richtig einordnen. Es handelt sich um eine Limited Assurance nach ISAE 3000 und nicht um ein vollständiges Audit. Geprüft wurden laut Pressemitteilung die Angaben zur Zahl der abgedeckten Broker, zur Häufigkeit der Anfragen und zur Zahl der abgeschlossenen Anfragen. Das belegt, dass Incogni fleissig Anfragen verschickt. Ob eure Daten danach wirklich verschwunden sind und es bleiben, sagt der Bericht nicht. Datenhändler dürfen neue Daten über euch jederzeit wieder einsammeln, weshalb Incogni überhaupt als Abo verkauft wird, wie heise erklärt.
Wem Incogni gehört und warum das zählt
Hier wird es für uns unangenehm. Incogni wurde 2021 von Surfshark gestartet und gehört heute zur niederländischen Holding Cyberspace B.V., die bei der Fusion von Surfshark mit Nord Security im Februar 2022 entstanden ist, wie The CyberSec Guru nachzeichnet. Beide Firmen stammen aus dem Umfeld des litauischen Venture Builders Tesonet. Zur selben Familie gehört Oxylabs, ein grosser Anbieter von Residential Proxies und Web-Scraping-Infrastruktur. TechRadar beziffert dessen Pool auf über 175 Millionen private IP-Adressen.

Fairerweise: Es gibt keinen Beleg, dass zwischen diesen Firmen Daten fliessen. PCWorld hat die Vorwürfe rund um Nord und Tesonet untersucht und keinen konkreten Nachweis gefunden. Das Problem ist ein struktureller Interessenkonflikt. Dieselbe Gründerfamilie verdient daran, dass ihr eure Daten löschen lasst, und an Werkzeugen, mit denen Daten massenhaft aus dem Netz gesammelt werden. Für einen Shop, der GrapheneOS-Geräte und Linux-Laptops verkauft, passt das nicht.
Das Paradox: Ihr gebt eure Daten zuerst heraus
Damit Incogni Löschungen beantragen kann, braucht der Dienst genau die Daten, die verschwinden sollen: Name, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer, E-Mail. Diese Angaben gehen an jeden angefragten Broker, damit der euren Eintrag findet. Das ist technisch nicht anders lösbar, und auch heise nennt es ausdrücklich ein Datenschutzrisiko. Wenn ein Broker eure Daten noch gar nicht hatte, hat er sie nach der Anfrage zumindest einmal gesehen. Wie sauber jeder einzelne der über 420 Händler damit umgeht, kann niemand von aussen prüfen. Incogni selbst verweist laut einem MacRumors-Statement darauf, dass die Broker an die Datenschutzgesetze gebunden seien.
Was Incogni euch in der Schweiz bringt
Das grösste Problem für unsere Leser ist die Ausrichtung. Im Test von heise gingen die ersten automatischen Anfragen an knapp 50 vorausgewählte Broker, hauptsächlich aus dem US-Markt. futurezone fand in Incognis Liste damals keinen einzigen Datenhändler mit Sitz in Österreich. Ob Schweizer Grössen wie die Wirtschaftsauskunftei CRIF oder Moneyhouse abgedeckt sind, konnten wir nicht unabhängig prüfen. Incogni veröffentlicht dazu keine Liste, die wir verlässlich gefunden hätten.
Gerade diese Firmen sind für euch aber relevant. Ein Kassensturz-Fall zeigt, wie CRIF zwei Personen mit gleichem Namen verknüpfte und einem Arzt so eine falsche Betreibung und die tiefste Bonität anhängte. Moneyhouse bezieht laut eigener Datenquellen-Seite Name, Adresse, Geburtsdatum und Bonitätsinformationen über Privatpersonen von CRIF. Wer in der Schweiz wohnt, hat mit diesen Datenbanken mehr Berührung als mit amerikanischen People-Search-Seiten.
Warum so viele Privacy-Kanäle Incogni bewerben
Hinter Incogni steht ein Konzern mit sehr grossem Marketingbudget, derselbe, der auch NordVPN und Surfshark überall platziert. Das ist kein Vorwurf an jeden einzelnen Kanal, aber ein Signal, das ihr beim Zuschauen mitdenken solltet. Selbst unabhängige Tests entstehen oft mit Zugang vom Anbieter: futurezone weist offen darauf hin, dass Incogni den Testzugang gestellt hat. Je mehr eine Empfehlung bezahlt ist, desto weniger sagt sie über die Qualität. Wir haben uns deshalb entschieden, Incogni weder als Partner noch per Affiliate-Link zu bewerben. Dieser Artikel ist nicht gesponsert.
Daten selbst löschen lassen: so geht ihr vor
Das Gute: Alles, was Incogni macht, dürft ihr auch selbst. In der Schweiz gibt euch das Datenschutzgesetz (DSG) die Werkzeuge, in der EU die DSGVO.

1. Auskunft verlangen (Art. 25 DSG / Art. 15 DSGVO)
Nach Art. 25 DSG könnt ihr jede Firma fragen, ob und welche Daten sie über euch bearbeitet, wozu, wie lange und woher sie stammen. Ihr braucht dafür weder Anwalt noch Gericht, wie RecordingLaw zusammenfasst. Die Antwort muss in der Regel innert 30 Tagen kommen, das bestätigt auch das Merkblatt der HSLU. In der EU gilt das Gleiche nach Art. 15 DSGVO. Die Auskunft lohnt sich vor allem, weil ihr erfahrt, von wem die Firma eure Daten hat. So arbeitet ihr euch die Kette entlang.
2. Widersprechen und Löschung verlangen (Art. 30 und 32 DSG / Art. 17 und 21 DSGVO)
Bearbeitet eine Firma eure Daten gegen euren ausdrücklichen Willen, ist das nach Art. 30 DSG eine Persönlichkeitsverletzung, sofern sie keinen Rechtfertigungsgrund hat. Art. 32 DSG gibt euch das Recht, die Löschung, das Verbot der Bearbeitung oder Weitergabe zu verlangen, wie diese Übersicht zeigt. In der EU stützt ihr euch auf Art. 17 DSGVO (Recht auf Löschung) und Art. 21 DSGVO (Widerspruch gegen Direktwerbung).
3. Die richtigen Adressaten in der Schweiz
- Wirtschaftsauskunfteien wie CRIF: Auskunft verlangen und falsche Einträge korrigieren lassen. Der Kassensturz empfiehlt, das schriftlich mit Kopie der ID zu tun.
- Moneyhouse: Private Einträge lassen sich löschen. Nach einer Abklärung des EDÖB von 2013 sagte die damalige Betreiberin zu, gelöschte Personen über eine Sperrliste aus der Personensuche herauszufiltern.
- Robinsonliste: Nach dem Eintrag ist eure Adresse laut Beobachter nach etwa drei Monaten für die Mitglieder des Schweizer Dialogmarketing-Verbands tabu, das sind knapp hundert Firmen. Jede Person im Haushalt muss sich separat eintragen.
- Adresshändler: Wenn ihr adressierte Werbung bekommt, fragt beim Absender, woher er eure Adresse hat, und schreibt dann die Quelle an.
4. Musterbrief für Auskunft und Löschung
Diesen Text könnt ihr per E-Mail oder eingeschriebenem Brief an die Datenschutzstelle der Firma schicken. Legt eine Ausweiskopie bei und schwärzt darauf alles, was zur Identifikation nicht nötig ist.
Betreff: Auskunftsbegehren nach Art. 25 DSG und Löschbegehren Sehr geehrte Damen und Herren Gestützt auf Art. 25 DSG (bzw. Art. 15 DSGVO) ersuche ich Sie um Auskunft, ob Sie Personendaten über mich bearbeiten. Falls ja, teilen Sie mir bitte mit: - welche Daten Sie über mich gespeichert haben, - zu welchem Zweck und wie lange Sie diese bearbeiten, - woher Sie die Daten haben, - an wen Sie die Daten weitergegeben haben. Gleichzeitig widerspreche ich jeder weiteren Bearbeitung und Weitergabe meiner Daten und verlange deren Löschung gemäss Art. 30 Abs. 2 lit. b und Art. 32 Abs. 2 DSG (bzw. Art. 17 und 21 DSGVO), soweit keine gesetzliche Aufbewahrungspflicht besteht. Bitte bestätigen Sie mir die Löschung schriftlich. Ich erwarte Ihre Antwort innert 30 Tagen. Name, Vorname Adresse Geburtsdatum (nur zur Identifikation) Beilage: Ausweiskopie (teilweise geschwärzt)
Reagiert eine Firma nicht, könnt ihr euch an den EDÖB wenden. Dass das wirkt, zeigt eine ältere Empfehlung des EDÖB: Ein Schweizer Adresshändler hatte Löschgesuche monatelang ignoriert und lenkte erst nach dessen Aufforderung ein.
Für wen Incogni trotzdem Sinn ergibt
Wir wollen nicht so tun, als wäre der Dienst nutzlos. Wenn ihr lange in den USA gelebt habt und eure Daten bei amerikanischen Personensuchseiten auftauchen, spart Incogni euch viel Arbeit. Das Gleiche gilt, wenn ihr schlicht keine Zeit habt, Briefe zu schreiben, und mit dem Firmenumfeld leben könnt. Geht dann bewusst rein: Jahresabo nur, wenn ihr es wirklich nutzt, und nach ein paar Monaten im Dashboard prüfen, wo überhaupt Treffer waren.
Für die meisten von euch in der Schweiz ist der bessere Weg aber, die Datensammlung von Anfang an kleiner zu halten und die wenigen relevanten Stellen gezielt selbst anzuschreiben. Wie ihr eure Spuren generell reduziert, zeigen wir im Ratgeber Privatsphäre schützen. Wohin sich der Datenschutz in der EU gerade bewegt, lest ihr in unserem Beitrag zum Digitalen Omnibus.
Fazit: seriös, aber nicht unser Partner
Incogni ist seriös im Sinne von: kein Scam, echte Arbeit, extern teilweise geprüft. Für eine Empfehlung von uns reicht das nicht. Der Dienst setzt den Schwerpunkt bei US-Brokern, verlangt eure vollständigen Daten als Eintrittspreis und gehört zu einer Firmenfamilie, die gleichzeitig Datensammel-Infrastruktur verkauft. Eure Rechte nach DSG und DSGVO kosten nichts, liegen komplett in eurer Hand und treffen genau die Firmen, die in der Schweiz wirklich über euch entscheiden.